Sie befinden sich hier: FUSSBALL CHINA / Amateur Clubs China / IFFC / Beijing
Freitag, 21.09.2018

Interview Robert Gonnella (Chairman IFFC)

 

Robert Gonnella aus Düsseldorf, einstmals Sänger der Thrash-Metal-Band Assassin, lebt seit 1994 in der chinesischen Hauptstadt Peking und verdient sein Geld mit der Organisation einer Freizeit-Fußballliga.

Deine aktuelle Mannschaft heißt Super Fortuna Peking. Wie bist du zum Exil-Fortunen geworden?
Ich war früher auf der Internationalen Schule in Düsseldorf und habe mich schon immer für Japan interessiert. 1992 bin ich dann nach Tokio gegangen, um dort die Sprache, Transport und Logistik zu studieren. Und zu der Zeit habe ich mit Japanern, Chinesen und Koreanern gekickt, als Fortuna Tokio. In China konnte ich dann dank eines staatlichen Stipendiums umsonst in einem Studentenwohnheim wohnen. Die anderen Studenten kamen aus dem Irak, aus Nepal oder aus Palästina; trotzdem gab es zuerst nicht genug Mitspieler. Und deshalb mussten wir uns mit einer russischen Mannschaft zusammentun. Heraus kam Fortuna Peking.

Wo konnte man denn im Jahr 1994 in der chinesischen Hauptstadt bolzen?
Es existierten vorher immer schon Universitäts- und Botschafts-Mannschaften, die aber nur untereinander gespielt haben. Zu meiner Zeit an der Uni gab es dann erste Bestrebungen, auch mal gegen die Botschaften anzutreten. Das Problem: Die Studenten konnten sich nur billige Plätze leisten und die Botschaftsangestellten bevorzugten die viel teureren Rasenplätze. So ein Platz kostet in China auch heute noch unglaubliche 220 Dollar für zwei Stunden. Und das ist ohne Flutlicht, ohne Schiedsrichter und ohne Duschen. Da muss man sich am Platz umziehen.

Ein Missstand, den du beheben wolltest. Wie kam es zur Gründung der Bunten Liga?
Ich habe an den Orten, an denen sich in Peking Ausländer trafen, Plakate aufgehängt, wer mitmachen will. Es kamen in der ersten Saison genau zehn Mannschaften zusammen, die dann ganz simpel in Heim- und Auswärtsspielen gegeneinander antraten. Wer das "Heimspiel" hatte, musste den Platz und Schiri organisieren. Und in der ersten Saison ist Fortuna Peking gleich Meister geworden. Das Play-Off-Finale haben wir gegen Inter Peking gewonnen. Bei denen spielten Deutsche, Jugoslawen und Südamerikaner zusammen.

Play Off-Finale klingt erhaben. Gab es einen würdigen Rahmen fürs Endspiel?
Wie man es nimmt. Wir durften im großen Arbeiterstadion von Peking spielen, in das 80000 Zuschauer hinein passen. Das wurde von einer großen Hotelkette mit 2000 Dollar gesponsert, das chinesische Fernsehen war da ? und es kamen immerhin 300 Zuschauer. Aber eigentlich war am Anfang alles noch total amateurhaft. Da wurde noch kein Geld verdient.

Seither jedoch hat sich die Bunte Liga zu einem florierendem Unternehmen entwickelt?
Wir haben über 1000 Mitglieder und 85 verschiedene Nationalitäten. Seit dem zweiten Jahr gibt es einen Pokalwettbewerb, seit eineinhalb Jahren sogar einen Unterbau mit zweiter und dritter Liga. Bei den Männern spielen mittlerweile insgesamt 30 Mannschaften mit ? und seit 1997 existiert auch noch eine Frauenliga. Und nicht zuletzt haben wir im März 2002 extra eine Fußball-Akademie für 80 Kids gegründet.

Wie finanziert sich der Ligabetrieb
Eine Arbeiter-Mannschaft zahlt für ein Spiel auf einem guten Rasenplatz um die 80 Dollar, ein Studenten-Team um die 60. Wenn wir dann mal 15 Spiele auf einem Platz organisieren, ist das schon ein gutes Geschäft. Ich schicke als Service auch regelmäßig Spielberichte und die Tabelle rum. Seit zwei, drei Jahren kann ich von der Organisation der Liga leben.

Das bedeutet aber jedes Wochenende Arbeit. Oder wird in China nicht am Wochenende gekickt?
Wir spielen meistens Samstag und Sonntag auf einem Gelände mit zehn Rasenplätzen, die für die Universiade 2001 gebaut worden sind und auch für die Olympiade 2008 genutzt werden sollen. Dafür werden übrigens demnächst auch 200 Fabriken abgerissen, damit die Luft in Peking besser wird. In acht Jahren habe ich fünf oder sechs Spielausfälle erlebt, weil es in China so selten regnet. Im November wird der Rasen allerdings gelb, weil dann der Winter beginnt. Dann weichen wir auf Asche oder Kunstrasen aus.

Wer ist bei euch schon alles aufgelaufen?
Das geht vom chinesischen Arbeitslosen über den Polizeichef bis hin zum europäischen General Manager. Im Pokal haben wir uns in den ersten Jahren immer mit den Rockmusikern von Red Star Peking duelliert. Bei denen spielte auch Cui Jian mit, der chinesische Peter Maffay.

Und Ian Rush sei da gewesen, hört man.
In der letzten Saison hat Ian Rush (Foto links neben Robert Gonnella!) für eine Partie bei den Peking Strollers mitgespielt, wurde aber in der 60. Minute beim Stand von 0:2 ausgewechselt. Der Engländer, der für ihm rein kam, traf dann zweimal und konnte sagen: "I was changed for Ian Rush and made the two goals for the equalizer!" Quentin Tarantino hat sich neulich ein Spiel angeguckt. Und beim Hong Mei FC kickte fünf Jahre lang Chen Dong mit, der ehemalige Spielführer der chinesischen Nationalmannschaft. Dessen Vater ist immer noch Vizepräsident des chinesischen Fußballverbands.

Demzufolge wurdet Ihr auch nie als System zersetzend eingeschätzt?
Nein. 1996 haben wir den International Friendship Football Club gegründet, der offizielles Mitglied des chinesischen Verbands geworden ist. In unseren Statuten steht, dass wir keine religiösen oder politischen Ziele verfolgen. Wenn wir jede Woche mehrere tausend Zuschauer hätten, würde wohl schon mal jemand gucken kommen. Es ist aber nach wie vor nur eine kleine ausländische Welt innerhalb Chinas.

Quelle: Die Fragen stellte Thorsten Schaar / 11Freunde.de